RUN & BIKE Club Schmalkalden e.V. 

Ötztaler Radmarathon 2008

Es ist August. Genauer gesagt das letzte Wochenende im August. Für einen ambitionierten Radler gibt es an diesem Wochenende im Tiroler Ötztal einen Radmarathon welchen man nicht verpassen darf: den Ötztaler!

Nach der ersten Prozedur im Februar, wo man sich mit Tausenden anderen eine virtuelle Schlacht um die begehrten Startplätze liefert, geht es nun mit gemischten Gefühlen in Richtung Sölden. Jeder nimmt sich für die Teilnahme etwas vor. Während sich einige Starter unseres Vereins, dem Run&Bike Club Schmalkalden, für ihre erste Teilnahme einfach nur vornehmen ins Ziel zu kommen, möchte ich endlich die acht Stunden Marke brechen. Nach den beiden letzten Jahren, als lediglich dreizehn bzw. vierzehn Minuten fehlten, soll es nun in diesem Jahr klappen.

Am Freitag, den 29.08. kommen wir, meine Familie und ich, in Sölden an. Nach einer guten Fahrt packen wir die Koffer aus dem Auto und beziehen in der Pension Daniela in Sölden unser Zimmer. Die Betreiberin der Pension, Frau Fender, ist schon ein richtiger Fan vom Ötzi und begrüßt uns mit gewohnter Herzlichkeit. Nachdem ich am Nachmittag ein wenig die Beine auf dem Rad gelockert habe gehen wir erst mal schön Abendbrot essen. So geht der erste Tag unseres Marathon-Trips zu Ende.

Am nächsten Tag es erst mal Startnummern holen. Vorher treffen wir uns mit unseren Vereinskollegen und schlendern in Richtung Nummenrausgabe. Alles ist wie immer bestens organisiert und rasch haben alle ihre Nummern - nur ich nicht! Weil ich meinen Ausweis nicht dabei habe bekomme ich keine Nummer und muss erst mal eine Ehrenrunde zurück in die Pension drehen. Dann geht alles schnell und ich habe den Beutel mit allen Unterlagen und meiner Nummer 122 in der Hand. Ulrike, Hannah und ich verbringen dann noch einen schönen Nachmittag in Hochsölden. Anschließend sind wir nach Vent gefahren (mit Auto!) und haben uns ein leckeres Abendbrot gegönnt. Gegen 22.00 Uhr lag ich im Bett. Vorher habe ich noch alle Vorbereitungen für den Start getroffen: Nummer an Trikot und am Rad, Klamotten und alle Dinge bereit gelegt welche ich am nächsten Morgen mitnehmen möchte. Das sind zwei Trinkflaschen, zwei Ersatzschläuche (man weiß ja nie), eine Patronenpumpe mit Ersatzpatrone, zwei Power-Riegel und etliche Power-Gel. Außerdem eine kleine Trinkflasche welche ich mir unters Trikot stecke. Diese fülle ich oben am Kühtai auf und schmeiß sie in den Graben wenn sie lehr ist. Nein!!! Ich werfe sie gezielt an einer Bushaltestelle in den Papierkorb. Dirk Nowitzki hätte seine Freude beim Anblick dieses Wurfes.

Am nächsten Morgen klingelt um 5:30 Uhr der Wecker. Schnell bin ich aufgestanden und im Trainingsanzug. Dann geht es schon zum Frühstück. Frau Fender hat mir die Probepackung mit Barilla-Nudeln aus dem Startbeutel gekocht. Da kommt jetzt noch Zucker ran und das Frühstück kann beginnen. Schnell ist der Teller leer, der Kaffee getrunken und ich gehe wieder nach oben. Glücklicherweise stehe ich in der ersten Startgruppe und kann mir etwas Zeit lassen. Gegen 06:20 Uhr fahre ich in aller ruhe Richtung Start. Hier ist schon die Hölle los. Tausende Radler stehen bereits am Start, Feuerwerke brennen, über mir ein Hubschrauber welcher einen mächtigen Lärm macht. Ich hebe mein Rad hoch, um über das Absperrgitter zu kommen, welches den Raum für die Starter abgrenzt. Aber irgendwie ist das Rad doch ganz schön leicht. Es sieht auch ein wenig leer über dem Tretlager aus...! Schei...! Ich habe meine Trinkflaschen vergessen! Ohne brauch ich gar nicht losfahren. Ich hab zwar eine unterm Trikot aber da ist nichts drin und nur mit Luft komm ich nicht weit. Ich also rauf aufs Rad und mit einem Affenzahn die Startgerade hinunter. Einige Leute machen sich lustig und rufen mir zu das es noch nicht losgeht. In Windeseile bin ich in der Pension. Ulrike und Hannah kommen mir vor dem Haus entgegen um den Start anzusehen. Ich sprinte mit meinen Radschuhen die Treppe hoch, schnappe die Flaschen und mache mich zum zweiten Mal auf in Richtung Start. Vorher entsteht noch ein Foto mit Flaschen. Alles ist nicht so tragisch, es ist 6:35 Uhr, also noch zehn Minuten Zeit bis zum Start. Ich komme noch mal zur Ruhe.


Der zweite Versuch mit Flaschen

Dann wird es langsam ernst. Noch eine Minute bis zum Start. Mein Puls zeigt jetzt 85 Schläge an. Dann der Böllerschuss und die ersten 35 Kilometer hinunter nach Ötz können beginnen. Alles geht ganz easy. Ich fahre am Ende der ersten Startgruppe talabwärts. Es geht ziemlich langsam voran weil vorne das Führungsfahrzeug nicht überholt werden darf. Dann kommt was kommen musste: Es wird auf einmal verdammt eng! Das riesige Starterfeld, welches nur etwas mehr als eine Minute hinter uns gestartet war, schließt noch in der ersten Abfahrt auf und rast förmlich ins Ende der ersten Gruppe. Ein beispielloses Gedrängel folgt welches weiter hinten auch zu einigen schweren Stürzen führte. Eine Starterin musste beispielsweise mit dem Hubschrauber in eine Klinik geflogen werden. Glücklicherweise bekomme ich von diesen ganzen Sachen nichts mit.


Die Spitze des Starterfeldes kurz nach dem Start

Nach 36 Minuten biege ich als ca. 150er in Ötz in den ersten Berg des Tages. Im Vorjahr war ich an dieser Stelle an erster Position des gesamten Feldes - ein geiles Gefühl. Die Drängelei um diese Position habe ich mir in diesem Jahr erspart. Kräfte sparen ist die Devise. Der Anstieg nach Kühtai liegt vor uns. Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen nicht auf Biegen und Brechen mit der ersten Gruppe über den Berg zu kommen. So gehe ich den Berg ganz ruhig an und fahre immer mit genügend Reserve. Nach meinem Puls kann ich mich leider nicht mehr richten. Irgendwie ist er ausgefallen, oder besser gesagt die Übertragung zur Uhr geht nicht. Nach einer Stunde und drei Minuten bin ich oben. Meine Flaschen habe ich leer und kann an der Verpflegung erst mal nachtanken. Schnell sind die Flaschen wieder gefüllt. Meine Trikotflasche ist auch voll und mit fast zwei Kilo mehr geht es in die Abfahrt. Ich muss mich beeilen weil die Gruppe in welcher ich über den Berg fuhr bereits weit weg ist. Der Grund ist das alle schon "privat" ihre Verpflegung bekommen haben und bei der Labe nicht anhalten müssen. Es geht weiter steil bergab. Dann kommt die High-Speed Stelle. Hier hatte ich im Vorjahr eine 106 auf dem Tacho. Also ganz klein machen, Lenker richtig festhalten und volle Konzentration. Dann geht es richtig ab. Mit neunzig Sachen geht es in den steilsten Teil des Kühtai. Dann merkt man wie noch mal ein richtiger Schub kommt. Wenig später habe ich 109,9 Km/h auf dem Polar. Aber lange kann man sich nicht freuen, schließlich kommen schon die nächsten Kurven. Also Tempo wieder rausnehmen und wieder normal weiterfahren.

Unten habe ich die Gruppe wieder eingeholt und gemeinsam geht es Richtung Innsbruck. In einer etwa einhundert Fahrer großen Gruppe kann ich mich erst mal von der Raserei bergab erholen. Über den Brenner geht es eher gemächlich. Die Spitzengruppe ist jetzt schon fast zehn Minuten vorneweg. Über den Brenner bleibt die Gruppe zusammen und gemeinsam geht es hinab nach Sterzing. Fast hätte ich vergessen meine Flaschen wieder voll zu machen. Als einer der Wenigen muss ich wieder mal anhalten, Flaschen füllen und dem Feld wieder hinterherbücken. Das hat wieder mal ein paar Körner gekostet. Dann haben wir Sterzing passiert und der Jaufenpass ist nicht mehr weit. Ich drücke mir wieder ein Gel rein und spüle mit reichlich Wasser nach. Dann geht es schon in den Antieg. Auf den kommenden fünfzehn Kilomtern wird sich zeigen ob die acht Stunden Marke heute geknackt werden kann. Schon nach einem Kilomter kann ich dem Großteil der Gruppe nicht folgen und finde mich ziemlich weit hinten wieder. Ich denke mir: "irgend wie kommste schon hoch", und fahre erst mal ruhig weiter. Schließlich finde ich einen guten Tritt und bin nach einer Stunde und sechs Minuten auf dem Pass. Vorgenommen habe ich mir aber eine glatte Stunde. Langsam habe ich kleine Zweifel an meiner Vorgabe. Auf den letzten Metern hat es auch ein wenig im Oberschenkel gekrampft obwohl ich eigentlich viel getrunken habe.

Jedenfalls kann ich erst mal wieder Flaschen füllen. Eine kleine Flasche mit Wasser trinke ich gleich auf einem Zug. Dann greife ich noch schnell eine Banane und ab geht es in die Abfahrt. Die Straßen sind trocken und man kann es gut laufen lassen. Von hinten kommt ein Fahrer schnell heran und ist im Handumdrehen an mir vorbei. Da ich noch mit der Banane zu kämpfen habe mach ich auch keine Anstalten dran zu bleiben. Noch bevor es wieder in den Wald geht ist er aus meinem Blick verschwunden. Nach 24 Minuten bin ich unten in St. Leonhardt angekommen. Mal sehen wie es jetzt weitergeht. Vor allem bin ich gespannt ob ich wieder Krämpfe bekomme. Das hat man eben davon wenn man einen 230 km Marathon fahren will und maximal 150 km am Stück trainiert hat. Aber was soll man machen wenn die Zeit einfach nicht ausreicht. Alle Gedanken an solche Themen nützen aber rein gar nichts, jetzt muss ich irgendwie hier hoch. Ein Griff in die Trikottasche und ich habe ein Gel mit Guarana in der Hand. Das hab ich mir für diese Auffahrt aufgehoben. Schnell ist es verzehrt und mit Wasser wird kurz nachgespült. Dann wird es schon langsam steiler. Und es wird schwerer. Irgendwie bekomme ich keinen runden Tritt mehr zustande und fange an mich ganz schön zu quälen. Am schlimmsten wird es kurz hinter Moos. Auf dem Tacho steht stellenweise 7 km/h und ich merke wie ich so richtig einbreche. Andere Fahrer kommen jetzt mit Leichtigkeit an mir vorbei und verschwinden im Nu aus meinem Blick. Ich überlege schon ob ich absteige und mich erst mal auf die Leitplanke setzte. Aber das verbietet sich ja von selbst.


An dieser Stelle hätte ich wirklich bald ausgeträumt; Foto von Kai aus dem Vorjahr

Also fahre ich weiter, langsam aber stetig komme ich immer höher und habe schließlich nach ewig scheinender Zeit das Zwischenplateau erreicht wo sich auch die Verpflegungsstation befindet. Von hinten kommt eine Gruppe heran. Ich hänge mich in den Windschatten und kann dem Tempo kaum folgen. An der V-Stelle angekommen gibt es erst mal eine Cola. Lange halte ich mich aber auch nicht auf und nehme die letzten langen Kehren des Timmelsjoch in Angriff. Es geht mir auch wieder besser und ich kann etwas flüssiger fahren. Dann meldet sich aber wieder der Feind des Tages. Ich merke wieder wie sich in meinem Oberschenkel Krämpfe anbahnen. Damit sie nicht richtig "ausbrechen" muss ich immer wieder kurz aufhören zu treten. Das geht natürlich nur bedingt weil ich ja sonst umfalle. So ein Mist, jetzt könnt ich schön hier hoch fahren und es geht nicht wie man möchte. Irgenwie kämpfe ich mich bis vor den Tunnel.


Die Kehren des Timmelsjoch rauben die letzten Kräfte; Foto von Kai aus dem Vorjahr

Ein Mann steht am Rand und ruft mir zu das ich 192er bin. "Schön", denke ich," wenigstens komm ich noch unter die ersten 200 wenn ich gut weiterkomme". Aber dann passiert es. Wie aus dem Nichts bekomme ich am Tunnelausgang einen Krampf im Oberschenkel wie ich noch nie einen hatte. Ich muss anhalten und möchte mich auf die Leitplanke setzen aber ich komme nicht vom Rad runter. Da steh ich nun rum und kann nicht weiter. Irgendwie winde ich mich vom Rad um mich hin zu setzen. Jetzt sitze ich hier und massiere am Schenkel herum. Erst nach ewig langen 5 Minuten kann ich weiterfahren. Ganz langsam komme ich dem Gipfel immer näher und bin nach 2 Stunden und achtzehn Minuten endlich oben - meine schlechteste Timmelsjoch-Zeit überhaupt. Die Zeit unter acht Stunden habe ich schon lange abgehakt und möchte einfach nur noch ins Ziel kommen. Die Abfahrt vom Joch herunter ist auch nicht richtig zu genießen. Immer wenn ich in den Kurven das äußere Bein strecken muss habe ich das Gefühl wieder einen Krampf zu bekommen. Weiter unten geht es dann schnurgerade bergab. Rechts steht ein Fotograf mit einer Riesen-Kamera. Später erfahre ich das dies eine Speed-Cam ist welche an der schnellsten Stelle der Timmelsjoch-Abfahrt aufgebaut ist. Sie macht ein Foto von den Fahrern auf dem die Geschwindigkeit mit angezeigt wird, kurz gesagt ein Blitzer ohne Strafe. Wenig später habe ich hundert Km/h auf dem Tacho stehen. War also doch nicht die schnellste Stelle der Abfahrt.

Wenn jetzt der Schwung bis hinauf zur Mautstelle reichen würde wäre das gut. Aber nach wenigen Metern Gegenanstieg wird es schon wieder schwer. Und meine Krämpfe kommen wieder. Das selbe Spiel geht jetzt von vorne los. Ich kann nur noch halbe Kraft fahren und kurz bevor ich oben angekommen bin geht nichts mehr. Ich muss mich wieder hinsetzen und verliere noch einmal 5 Minuten. Erst dann kann ich weiterfahren und die letzten Meter zur Mautstation bewältigen. Dann geht es bis Sölden nur noch bergab.


Auf dieser Leitplanke gabs die zweite Zwangspause; Foto von Kai aus dem Vorjahr

Nach acht Stunden und dreißig Minuten bin ich im Ziel in Sölden angekommen. Mein Rad lasse ich im Zielraum liegen und hole mir erst mal ein Radler und ein Stück Kuchen.


Im Ziel gibt es erst mal Radler und Kuchen


Hannah hat mich wieder

Nach kurzer Rast habe ich auch Ulrike und meine kleine Hannah entdeckt. Beide sind froh das sie mich wiederhaben. Jetzt fahre ich erst mal in die Pension und gehe unter die Dusche. Während das Wasser noch fließt werden schon die Pläne für das nächste Jahr geschmiedet. Kurz gesagt: Eine Zeit welche mit einer sieben beginnt ist immer noch ein Thema und ich bin überzeugt das ich es auch drauf habe.



Dirk Fräntzki (Bildmitte in rot) fuhr wieder ein tolles Rennen und konnte seine Vorjahreszeit weit unterbieten

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