RUN & BIKE Club Schmalkalden e.V. 

Ötztaler Radmarathon 2003

Es ist Ende August und der Termin für den Ötztaler Radmarathon ist herangerückt. Im Vorjahr habe ich zum ersten Mal an diesen Marathon teilgenommen und war wie viele andere begeistert. In Gedanken habe ich mir eine Platzierung unter den ersten Hundert vorgenommen. Am Ende wurde es der 111. Rang und ich war ein wenig unzufrieden. Dieses Jahr sollte das alles ein wenig besser werden. Mit der Streckenkenntnis der ersten Teilnahme und einer anderen Vorbereitung müsste ich eigentlich unter die ersten Hundert kommen. Mit viel Vorfreude ging es am Freitag ab nach Sölden, wo am Sonntag Start und Zielort sein wird.
Nach dem Jahrhundertsommer musste es ja endlich mal wieder regnen. Aber warum ausgerechnet dieses Wochenende? Schon die Autofahrt nach Sölden war eine Katastrophe. Die Scheibenwischer kamen kaum nach. Meine Frau Ulrike und unsere Tochter Hannah ist auch mit von der Partie. Und Jens. Er ist mit im Radverein und möchte sich den Ötzi auch antun. "Am Sonntag wird es schon besser werden", dachte ich und packte erst mal das Auto aus. Vorher habe ich Jens in seiner Unterkunft ausgeladen. Er ist ein paar Häuser weiter in einer Pension untergekommen. Mit von der Partie ist auch wieder Robert Scholz. Ein guter Kumpel den ich bei Radrennen kennen gelernt habe. Wir haben auch schon gemeinsam einige Gebirgswanderungen durch die Brenta in Italien gemacht. Auch auf die Zugspitze sind wir zusammen geklettert. Er wohnt jetzt in Kempten und hatte es demnach nicht so weit wie wir. Im Vorjahr war er so ca. 1100er. Eigentlich wollte er ja ein wenig abnehmen aber die Mädels in Kempten müssen ja ständig zum Kaffee eingeladen werden. Vergangenes Jahr hat er allein an den Verpflegungspunkten zwei Stunden verbracht weil der Kuchen so lecker war. Mal sehen wie es dieses Jahr bei ihm läuft.
Den Abend vor dem Marathon haben wir bei der Nudelparty verbracht. Hier war wieder ganz schön was los. Der Veranstalter lässt sich hier immer ein gutes Programm einfallen. Auf dem Heimweg regnet es natürlich wieder. In unserer Pension ist noch reges Treiben. Andere Gäste schrauben noch an ihren Rädern rum und treffen letzte Vorbereitungen. Ich pumpe mein Rad noch auf und sehe nach den Bremsen.
Alles in Ordnung.
Es kann also losgehen. Vor dem Schlafen gehen lege ich mir noch meine Klamotten zurecht. Ein paar mehr Riegel und einige Power-Gel muss ich schon mitnehmen. Dann noch eine Minipumpe mit Patrone und zwei Schläuche. Diese ganzen Sachen stecke ich schon ins Trikot. "Brauch ich morgen früh nur noch drüberziehen!". Jetzt muss noch unsere kleine Hannah ins Bett. Ist spät genug für das kleine Schneckchen. Morgen früh um 6.30 Uhr ist Start. Frühstück gibt es ab 5.15 Uhr. Es geht früh raus, also gute Nacht und bis morgen.
Der Wecker klingelt pünktlich um 5.00 Uhr. Aber die richtige Lust zum Aufstehen habe ich auch nicht. Draußen höre ich schon wieder den Regen prasseln. Wahrscheinlich war es dieses gleichmäßige Geräusch welches mich wieder einschlafen ließ. Um 5.54 Uhr kam Robert in unser Zimmer und fragte ob ich denn mal langsam zum Frühstück kommen wolle. "Ach du Sch.... !!", dachte ich und schon war ich in den Klamotten. Im Frühstücksraum war schon gähnende Leere. Nur Robert saß ganz locker am Tisch und löffelte ein Müsli. "Die anderen sind schon weg", sagte er. "Ist ja auch an der Zeit", sagte ich und setzte mich auch erst mal mit einer Schüssel Müsli hin. Ruck zuck war das Müsli weg, noch ein Brötchen und eine Tasse Kaffe hinterher und schon war ich wieder auf dem Weg ins Zimmer. Schließlich muss man ja am Morgen auch seine Geschäfte machen. Um 6.15 Uhr saß ich auf meinem Rad. Robert wollte noch ein wenig warten. Jedenfalls fuhr ich allein in Richtung Start. Je näher man an den Startpunkt kommt desto enger wurde das Gedränge. Man muss wissen das man nicht einfach in entgegengesetzter Richtung an die Startlinie fahren kann, sein Rad rumdrehen kann und schon in der ersten Reihe steht. Hier geht es schön der Reihe nach. Alle Teilnehmer werden über einen engen Pfad an das hintere Ende der Startaufstellung gelotst. So, da stehe ich nun. Vor mir 2600 Radfahrer. Alle wollen in 10 Minuten den Ötzi in Angriff nehmen. Und ich fast ganz hinten. "Nützt ja nichts", dachte ich , und fing an mich an der Seite vorzudrängeln. Besser jetzt als nachher in voller Fahrt. Bis zum Start hab ich es tatsächlich geschafft circa unter den ersten Dreihundert zu sein.
Der Sprecher am Start gab jetzt erst mal das Wetter für den Tag bekannt. Oben auf dem Kühtai hätte es aufgehört mit regnen und das Thermometer stehe bei 5 Grad. Das hört sich nicht schlecht an. Jetzt regnet es aber erst mal leicht. Und warm ist es mit 10 Grad auch nicht gerade. Mit einem gewaltigen Böllerschuss wird das Startzeichen gegeben. Aber nicht für alle. Erst fahren die besten Hundert des Vorjahres los. "So ein Mist, die müssen wir wieder einholen". Nach einer guten Minute setzt sich dann der Rest der Meute in Bewegung. Alle gemeldeten sind aber gar nicht am Start. Wegen der miesen Witterung sind von 3200 Gemeldeten "nur" 2600 am Start. Da sind schon mal 600 Leute im Bett liegen geblieben. Viele andere hätten liebend gerne einen Startplatz ergattert. Im nächsten Jahr sollen die Schönwetterfahrer gleich zu Hause bleiben. Ist meine Meinung! Gleich hinter Sölden geht es bis nach Oetz nur bergab. Bei durchschnittlich 50 km/h geht es den ersten Hundert hinterher. Der Fahrtwind ist so kalt das mir fast die Kopfhaut wegfriert. Ich Idiot habe keine Mütze unter den Helm gezogen und nun strömt eiskalte Luft durch die Lüftungsöffnungen. Mit den Händen habe ich keine Probleme obwohl ich auf Handschuhe verzichtet habe. Um den kalten Wind fernzuhalten drehe ich den Kopf zur Seite damit der Wind nicht frontal durch die Helmöffnungen bläst. Viel Abhilfe schafft das aber auch nicht. Eine Mütze unter dem Helm hätte hier Wunder bewirkt.
Zum Glück sind bald ein Paar Gleichgesinnte da welche ein wenig mit am Horn ziehen, oder auf Deutsch: Tempo machen. Schon nach den ersten Kilometern hat sich das Feld in viele Grüppchen geteilt. Das macht das nach vorne Fahren schwer. Jedes Mal wenn man in der Gruppenspitze angekommen war sah man weit vorne wieder eine Gruppe. Wieder hieß es rein in den Wind und Tempo. Der Plan vom erholten Ankommen in Oetz geht heute wohl nicht auf. Schon vor dem ersten Berg muss man sich dermaßen die Kante geben das einem die Beine schmerzen. Ein Vorteil hat die Raserei aber: Man wird warm! Einige Kilometer weiter sehe ich auf einer langen Gerade die Rundumleuchte des Führungsfahrzeuges. Kurz darauf geht es in den Ort Oetz. Es hat ein wenig aufgehört zu regnen. Leider zu spät, denn ich habe nicht eine einzige trockene Stelle mehr am Körper. Jetzt geht es erst mal die ersten zwanzig Kilometer bergauf. Ich fahre die Steigung zügig, aber nicht zu schnell an. Trotzdem scheine ich nicht schlecht unterwegs zu sein. Ich überhole ständig Fahrer. In Ochsengarten bin ich bereits unter den ersten Fünfzig. Aber von der Spitze werde ich heute wahrscheinlich nichts mehr sehen. Die fahren da vorne erfahrungsgemäß ein Tempo welches ich mit totalem Einsatz gerade so am Hinterrad halten kann. Zur Zeit habe ich aber kein Hinterrad an dem ich mich festkrallen könnte. Etwa 300 Meter vor mir sehe ich eine Gruppe von cirka zwanzig Mann fahren. "Die Gruppe musst du oben in Kühtai unbedingt haben, sonst fährst du bis zum Jaufenpass alleine rum" sage ich mir und versuche einen Zacken schneller zu treten. Kurz vor dem steilsten Stück nach Kühtai bin ich an der Gruppe dran. Jetzt muss ich nur das Tempo halten und mit der Gruppe oben ankommen. Gerade dieses Stück kenne ich nicht. Im Vorjahr fuhren wir wegen eines Bergrutsches in Ochsengarten links ab. Jetzt hänge ich am Schluss der Gruppe und hangele mich irgendwie den Berg hoch ohne zu wissen wie weit es noch ist. Der Regen hat auch wieder angefangen. Endlich wird es ein wenig flacher. Ich nutze gleich die Chance um meine "Tüte" wieder anzuziehen. Auf dem letzten Flachstück ist es zu warm geworden weshalb ich sie ausgezogen habe. Die Tüte ist eine Wetterjacke aus transparenter Folie, die auf Abfahrten hundertprozentig dicht gegen Regen und Wind ist. Der Nachteil ist, das auch von innen kein Schweiß abgegeben wird. Da ich nicht weiß wie weit es noch bis oben ist ziehe ich sie lieber schon mal drüber. Sofort ist die "Folie" von innen angelaufen. Aber heute ist es egal ob man vom Regen oder vom Schweiß durchnässt wird. Einen Kilometer weiter sind wir auf dem Kühtai angekommen. Die Temperatur liegt bei vier Grad und es regnet. Ein Zuschauer ruft uns zu das etwa 25 Mann vorne sind. Die werden wir heute bestimmt auch nicht wiedersehen. Auf dem kurzen Flachstück in Kühtai versuche ich meine Handschuhe aus dem unterem Trikot herauszuziehen. Mit den kalten Fingern fühle ich aber den Unterschied zwischen Energieriegel und Handschuhen nicht mehr. Außerdem geht es schon bergab. Ich habe jetzt 65 Sachen drauf und denke das es besser ist den Lenker auf der nassen Straße mit zwei Händen anzufassen. Ohne Handschuhe muss es auch gehen. Durch den eisigen Fahrtwind kommt wieder der Tiefkühlungseffekt unter dem Helm auf. So hat mir der Kopf vor Kälte noch nicht weh getan. Es ist ein richtig beißender Schmerz der wohl auch die kalten Finger vergessen lässt. Und die Abfahrt nimmt kein Ende. Durch die zu kleinen Sehschlitzen zusammengekniffenen Augen sehe ich kaum die Straße. Am ganzen Körper fange ich an zu zittern. Das Zittern überträgt sich auf den Lenker und das Rad fängt auch an mit Zittern. "Reiß Dich zusammen, so weit kann es nicht mehr sein", sage ich mir. Eigentlich fahre ich sehr gerne bergab und mache auch mal richtig Tempo. Aber in diesem Augenblick wünsche ich mir eine achtzehnprozentige Steigung. Wieder eine Kurve. Bei jedem Bremsen hofft man das endlich das Wasser von den Felgen verschwindet und endlich eine Bremswirkung eintritt. Aber bei sechzig Sachen, Dauerregen und glänzend nasser Straße kann man nur hoffen das man nicht wegrutscht. Nach einer ewig scheinenden Abfahrt bin ich endlich unten angekommen. Es dauert eine Weile bis sich alle wieder gefunden haben. Die Gruppe war durch die Abfahrt weit auseinander gefallen. Zusammen geht es jetzt in Richtung Innsbruck. Das erste Mal denke ich daran etwas zu essen. Irgendwie fummel ich einen Enervit Power-Riegel aus der Trikottasche. Diese Riegel haben einen hohen Energiegehalt. Leider sind sie aus einer zähen Masse gemacht welche ab Kühlschranktemperatur hart wird. Zur Zeit sind es sechs Grad und der Riegel ist steinhart. Nachdem ich ein großes Stück abgebissen habe werde ich ewig nicht fertig mit Kauen. Jetzt fängt auch der Kiefer an weh zu tun. Die nächsten Stücke beiße ich kleiner ab, dadurch fällt das Kauen nicht so schwer. Mit Spritzwasser vom Vordermann rutschen die Stücke dann Richtung Magen.
Wenig später fahren wir durch die Straßen von Innsbruck. Bei strömenden Regen stehen nur wenige Zuschauer an der Strecke. Und selbst die paar Leute sehen uns ungläubig hinterher. Hinter Innsbruck geht es endlich wieder bergan. Ich reihe mich in der Gruppe mit ein , sehe aber zu das ich nicht so lange führe. Immer nach hundert Metern gehe ich aus der Führung und reihe mich wieder hinten ein. Das Tempo ist nicht schnell. Im Vorjahr sind wir den Anstieg hinter Innsbruck schneller hochgefahren. Aber bei der Kälte ist das ja kein Wunder. Immer noch prasselt der Regen auf uns herab. Ich habe sogar den Eindruck das er stärker geworden ist. Hinter uns hat sich in der Zwischenzeit eine passable Autoschlange gebildet. Durch ständigen Gegenverkehr und Kurven können uns die Autos hier auch nicht überholen. Die Autoschlange kommt mir gerade Recht. Seit einiger Zeit habe ich ein Bedürfnis welches jetzt immer mehr nach "Entlehrung" verlangt. Nach einem weiteren Kilometer kommt eine kleine Einfahrt. Hier halte ich schnell an. Jetzt muss aber alles schnell gehen. Spätestens wenn das letzte Auto vorbeikommt muss ich mit meinem Geschäft fertig sein. Ich werde aber ewig nicht fertig. So viel habe ich doch gar nicht getrunken!!! Nach einer Weile bin ich soweit und mache mich auf die Verfolgung meiner Gruppe. In der ganzen Zeit meiner Zwangspause kam kein anderer Radfahrer vorbei. Da haben wir ja schon ein ganz schönes Loch gerissen. Im Windschatten der Autos fahre ich Stück für Stück wieder an die Gruppe heran. Die Außenspiegel der Autos nutze ich hierbei als "Schleudergriff" bis zum nächsten Auto. In vielen Radrennen habe ich auf die gleiche Weise durch die Materialwagen wieder Anschluss an das Feld gefunden. Hier geht es noch besser weil die Autos sehr dicht hintereinander fahren. Bei Radrennen wird oft ein großes Loch gelassen um den Anschluss zu erschweren. Nach einigen Kilometern bin ich endlich wieder an der Gruppe und kann den Windschatten der anderen Fahrer genießen.
Der Regen prasselt immer noch auf uns ein. Die Steigung wird jetzt etwas geringer. Der Brenner ist von den vier Bergen beim Ötzi mit Abstand der leichteste. Nur kurz vor dem Ende kommt noch mal eine Steigung von cirka zehn Prozent auf einen Kilometer Länge. Hier sind wir jetzt angekommen. Der Regen hat in der Zwischenzeit aufgehört. Oben angekommen wartet die erste große Verpflegungsstelle auf uns welche aber mit zügigem Tempo links liegen gelassen wird. Wenn ich jetzt hier anhalten würde wäre die Gruppe und damit mein schöner Windschatten weg. Meinen Proviantplan habe ich so eingeteilt das ich zur Not die ganze Runde ohne Essen fassen auskomme. Mit Getränken reicht es gerade noch so. Im Vorjahr fuhr ein Motorrad mit auf dem eine Kiste mit vollen Wasserflaschen war. Bei Bedarf konnte man sich hier bedienen. Mir kam das sehr recht weil ich mich nicht von einem Begleitauto verpflegen lasse. Es wäre fair, wenn man aus diesen Autos wenigstens mal etwas Wasser bekommen könnte. Aber man rechnet wahrscheinlich damit, seine Konkurrenz an einer Verpflegungsstelle loszuwerden wenn man es auf dem Rad schon nicht schafft.
Inzwischen sind wir auf der Abfahrt vom Brenner in Richtung Sterzing. Nach einer engen Ortsdurchfahrt und zwei Tunneln erreichen wir Sterzing. Der Ort ist schnell durchfahren und schon sind wir auf der direkten Anfahrt zum Jaufenpass. Es geht noch etwa zwei Kilometer auf flacher Straße. Ich nutze diese Zeit um noch einen Riegel zu essen und ein Power-Gel mit etwas Flüssigem zu mir zu nehmen. Essen ist jetzt noch einmal wichtig. Gleich geht es immerhin zwanzig Kilometer nur bergauf. Von 950 Höhenmeter auf 2050 Höhenmeter. Nach ein paar Minuten haben wir auch schon den Anfang vom Berg erreicht. An einer kleinen Einfahrt halte ich erst mal an. Hier ziehe ich meine Wetterjacke aus. Es ist zwar ziemlich kühl aber gleich wird mir schon warm werden. Für ein kleines Geschäft reicht die Zeit auch noch und schon sitze ich wieder im Sattel und nehme den Berg in Angriff. Ich versuche das Tempo bei 15 km/h zu halten was auch ganz gut gelingt. Ich könnte zwar schneller fahren aber der Akku soll ja auch bis oben reichen. Hätte ich Solarzellen dabei könnte ich sie jetzt sogar aufladen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Immer weiter schlängelt sich die Straße von Kehre zu Kehre hinauf. Ich hole ein paar Fahrer ein welche meinem Tempo nicht folgen können. Aber auch ich werde von einigen Startern eingeholt und stehen gelassen. Es ist jetzt wichtig das man sein eigenes Tempo fährt. Immerhin wartet noch das Timmelsjoch und wenn man dort einen im Schuh hat sieht es nicht gut aus. Nach einigen weiteren Kilometern ist die Baumgrenze erreicht. Jetzt geht es noch um eine langgezogene Kurve und dann sieht man weit oben die Passhöhe. Jedenfalls hat man sie im Vorjahr gesehen. Jetzt ist der ganze Pass mit dichten grauen Wolken umhüllt. Es wird auch schon merklich kühler. Die letzten Kehren vor der Passhöhe sind noch mal hart. Gleich kommt aber die Verpflegungsstelle und da kann ich meine Flaschen wieder füllen und etwas trinken.. Nach hundert Metern dann der Schock. Hier ist keine Verpflegungsstation! Na Prima, jetzt stehe ich hier und habe nichts mehr zu trinken. Nur noch Powerriegel und eklig süßes Powergel welches man nur mit Flüssigkeit runter bekommt. Aus dem Tal weht ein eisiger Wind herauf. Ich ziehe meine Wetterjacke wieder über und schiebe mir irgendwie einen Riegel hinter. Dann geht es wieder bergab. Nach cirka zwei Kilometern dann die Erlösung. Die Verpflegungsstelle taucht aus dem Nebel auf. Sie wurde wegen dem starken Wind und der Kälte auf dem Pass hierher verlegt. Ich esse ein Stück Kuchen, trinke etwas und fülle meine Flaschen auf. Dann frage ich einen Mann wie viele Fahrer schon durch sind. Er sagt etwas von Dreißig. Das kann ich ja nicht glauben. Soll ich wirklich so gut unterwegs sein? Eine Banane stecke ich mir noch ein und weiter geht's. Die Leute von den Verpflegungsstellen waren übrigens total nett. Wie bei einem Boxenstopp der Formel Eins schwirrten sie um einen und boten alles an was zum Essen da war. Einfach toll.
In der Zwischenzeit habe ich schon ein gutes Stück der Abfahrt hinter mir. Der Jaufenpass macht bergauf keinen Spaß und bergab erst recht nicht. Jedenfalls bei diesem Wetter. Auf nasser Straße kommt eine enge Kurve nach der anderen. In fast jeder Kurve geht es um 180 Grad herum. Das Gefälle ist so stark das man beim Bremsen vom Körpergewicht in den Lenker gedrückt wird. Mit der Zeit geht das ganz schön auf Nacken und Schulter. Von wegen erholsame Abfahrt. Zum Glück wird es jetzt aber immer wärmer. Von hinten kommen zwei Italiener angefetzt. Kurz vor einer Kurve schießen sie an mir vorbei. Nach ein paar Kehren sehe ich sie schon gar nicht mehr. Ich denke an Ulrike und meine kleine Hannah und setze meine Abfahrt etwas gemütlicher fort. Nach fünfunddreißig Minuten komme ich unten in St. Leonhard an. Ich bin die Abfahrt ganze fünf Minuten langsamer als im Vorjahr gefahren. Dafür bin ich aber noch heil. Hier unten sind jetzt zwanzig Grad. Schnell befreie ich mich von meiner Wetterjacke. Ich stopfe sie unter mein Trikot. Die Überschuhe und Beinlinge muss ich aber anlassen. Es würde zu lange dauern den ganzen Krempel auszuziehen. Außerdem wüsste ich gar nicht wohin damit. Da haben es die Leute mit Begleitfahrzeugen besser. Wobei wieder das Thema der Chancengleichheit aufkommt.
So wie es eben noch bergab ging fängt jetzt die Steigung hinauf zum Timmelsjoch an. Auf mich warten dreißig Kilometer Steigung mit einem Höhenunterschied von 1800 Metern. Und das ganze nach 170 zurückgelegten Kilometern. Ich sitze jetzt seit sechs Stunden auf dem Rad. Eigentlich geht es mir noch ganz gut. Mal sehen was die nächsten Kilometer sagen. Langsam aber sicher nähere ich mich wieder den beiden verrückten Italienern. Bergab ging ihr Motor besser wie jetzt bergauf. Etwas weiter steht ein Mann am Rand. Er ruft mir zu ich sei Vierunddreißigster. "Das ist ja Klasse", denke ich mir. Ich habe mir einen Platz unter den ersten Hundert vorgenommen. Jetzt können mich noch sechsundsechzig Mann überholen und ich habe meine Vorgabe immer noch erfüllt. Natürlich ist das nur Gespinne. Jetzt bin ich einmal so gut dabei, da wird auch um diesen Platz gekämpft! Ich winde mich durch das steilste Stück des Passes. Hier ist die Steigung stellenweise zwanzig Prozent. Langsam fangen auch die Beine an zu schmerzen. Jeder Tritt tut weh. Das Ziel ist jetzt nicht mehr die Passhöhe sondern die nächste Kurve. Auf die Weise geht es immer weiter. Neben mir fährt plötzlich ein Fahrzeug der Organisation und bietet mir ein Red-Bull an. Da sage ich nicht Nein. In kleinen Schlückchen trinke ich die Dose weil ich sie auf einem Mal gar nicht schaffe. Schließlich muss ich auch noch Atmen! Ich habe die Dose gerade halb leer fährt schon wieder ein Auto neben mir und bietet wieder Red-Bull an. Ich winke ab und gebe zu verstehen das mir schon Flügel gewachsen sind. Nach zahllosen Kurven kommt endlich die Verpflegungsstation auf halber Höhe des Passes. In die Flaschen kommt jetzt Cola weil der Körper jetzt nach Zucker und Coffein schreit. Dann genehmige ich mir noch ein Red-Bull und ein Stück Kuchen. Das alles in Eile denn von hinten kommt eine vier Mann starke Gruppe. Mit denen könnte ich prima den Berg hochfahren. Als ich aus der Verpflegungstelle rausfahre sind sie aber schon hundert Meter weiter. Jetzt wird auch noch der Gegenwind immer heftiger. Nach einem Kilometer geht es in die letzte und härteste Steigung des Tages. In langen Geraden geht die Straße am Hang entlang weiter empor. Eine Gerade mit Gegenwind, nach der Kehre wieder eine Gerade mit Rückenwind. Und an die vier Mann bin ich immer noch nicht rangekommen. Jetzt bin ich fast oben und bis auf dreißig Meter an den Vieren dran. Es ist komisch, aber ich kann einfach nicht mehr schneller fahren. Jede Tempoerhöhung würde jetzt schmerzen. Oben vor dem Tunnel stehen einige Leute welche uns anfeuern. Einer gibt mir einen ordentlich Schubs und das Loch zu den vier Fahren ist geschlossen. Schon geht es in den Tunnel. Man sieht nur sehr wenig. Ich stelle mir vor hier drinnen eine Panne zu haben. Aber alles geht gut und bald schon hat uns das Tageslicht wieder. Jetzt ist es noch ein Kilometer bis hoch. Ich hole irgendwie mein Handy aus der Trikottasche. Mit Ulrike habe ich abgesprochen auf dem Timmelsjoch eine SMS zu senden. Da kann sie besser abschätzen wann wir in Sölden sind. Nach zwei Stunden und elf Minuten Quälerei, bei der man jede Pedalumdrehung zählt, sind wir endlich auf dem Pass angekommen. Wer bis hier her gekommen ist hat den Ötzi so gut wie geschafft. Jetzt geht es noch eine schnelle Abfahrt hinunter. Im Vorjahr hatte ich hier 98 km/h drauf. Dieses Jahr erlaubt der heftige Gegenwind "nur" 70 km/h. Die unmittelbar an die Abfahrt folgende Auffahrt zur Mautstelle tut noch mal richtig weh. Ich möchte noch mal richtig Druck machen aber bei jeder Umdrehung fangen die Oberschenkel an zu krampfen. "Nicht genug getrunken", sage ich mir und nehme einen Zahn raus. "Wofür soll ich mir auch noch weh tun, dein Ziel Top Einhundert hast Du doch erreicht!", sage ich mir während wir die Mautstelle oberhalb von Obergurgl passieren. Die nachfolgende Abfahrt wird es noch mal richtig gut. Schnelle Geraden wechseln sich mit gut fahrbaren Kurven ab. Hinter Obergurgl geht es weiter bergab bevor es vor Sölden noch mal einen kleinen Anstieg gibt den wir mit dem großen Blatt nehmen. Hier haben sicher auch die Endorphine ihre Finger im Spiel. Oben schauen sich alle an. Keiner will mehr so richtig in die Führung gehen. Die letzte steile Schussfahrt in den Ort Sölden geht noch einmal richtig schnell. Unten angekommen feuern uns viele Zuschauer an. Jetzt sind es vielleicht noch tausend Meter bis zum Ziel. Wider meiner Erwartung fängt aber keiner an mit sprinten. Ist auch gut so. Heute kann jeder mit seiner Leistung zufrieden sein. Die letzte Kurve, dann über die letzte Brücke und wir sind im Ziel. Ich werde als 33. in der Gesamtwertung notiert. Mit diesem Ergebnis hätte ich nicht gerechnet. Natürlich wird es sehr schwer im nächsten Jahr diese Platzierung zu unterbieten. Aber versuchen werde ich es. Diese Gedanken habe ich während mir die Knie von der Anstrengung weh tun. An der Nahtstelle des Hoseneinsatzes ist bestimmt auch alles aufgerieben. Durch den vom Regen aufgenommenen Straßenstaub, der im Anschluss trocknete, hat sich ein richtiges Schmirgelleder gebildet. Aber das ist jetzt alles Nebensache. Nach ein paar Minuten habe ich auch Ulrike und Hannah gefunden. Natürlich sind sie froh mich heil wieder zu haben. Ich habe aber auch aufgepasst und bin keine Risiken eingegangen.
Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei. Dann muss auch endlich die acht Stunden Marke fallen. Heute war das bei dem Wetter fast unmöglich.

Bis zum nächsten Mal

Euer Karsten Lange

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